Spot Check: La Havana, Cuba
1. November 2007, 08:07 - Autor: David Duijkers

Cuba ist ein schwer zu beschreibendes Land. Man muss es wirklich erlebt haben. Ich lege jedem nahe, dieses Land zu besuchen, und zwar bevor Castro stirbt, anschließend wird nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine kapitalistische Welle aus dem Norden das Meiste von dem landeseigenen Flair kaputtmachen. Der Sozialismus hat seine guten Seiten – Cuba hat einen sehr hohen Bildungsstandard mit weniger Analphabetismus als z.B. in D oder USA, und die medizinische Versorgung ist hervorragend und gratis. Die Menschen sind wahnsinnig gastfreundlich und die Kriminalität geht gegen null.
Man kann aber nicht behaupten, dass die Cubaner mit ihrer Situation mehrheitlich zufrieden wären. Die Wirtschaft ist einfach am Boden, das liegt allerdings nicht nur am starren System, sondern großteils auch am fiesen Handelsembargo der Amerikaner und anderer Staaten. Das Potenzial für eine florierende Wirtschaft wäre sicher vorhanden, schließlich gibt es hervorragenden Rum, den besten Tabak der Welt, und natürlich das Knowhow der Bevölkerung. Mehr als Miete und Nahrung auf Bezugsscheine kann sich der Normalbürger dort aber nicht leisten. Dinge wie Markenschuhe oder Mobiltelefone zu besitzen, ist unvorstellbar. Die meisten Häuser und Straßen, abgesehen von wenigen Prestigebauten und dem Weltkulturerbe Havana Vieja, der Altstadt Havannas, sind in einem geradezu lächerlich abgefuckten Zustand, als ob seit 1958 gar nichts mehr daran gemacht wurde. Jeder versucht irgendwie, im immer mehr boomenden Tourismussektor Fuß zu fassen, denn dort kann man an einem Tag mit Trinkgeldern mehr verdienen als ein Arzt (oder Straßenreiniger, oder Lehrer) im Monat bekommt. Es gibt dort zwei verschiedene Währungen: die normalen Pesos, mit denen man nur Mist kaufen kann, und die dem Dollar gleichgestellten Pesos Convertibles für Touristen, mit denen man auch leckeres Essen, Shampoo, Bier etc. kaufen kann. Durch diese Parallelwirtschaft ist ein Kapitalismus im Sozialismus entstanden, von dem aber eben nur manche profitieren. Die Unzufriedenheit ist also groß, aber trotzdem begehrt niemand auf. Der Respekt vor Papa Fidel ist einfach zu groß. Jeder Cubaner, mit dem wir in ein längeres Gespräch kamen (und das waren einige, sie sind sehr kommunikationsfreudig) hat uns früher oder später hinter vorgehaltener Hand eröffnet, dass das Volk “change” will. Und sie wissen, dass sich irgendetwas verändern wird, sobald Castro weg ist. Sie wissen nur noch nicht, was. Ich hoffe jedenfalls, dass sie sich ihre positiven Seiten bewahren, und sich nicht von den Imperialisten überrollen lassen und in ähnliche Zustände wie vor der Revolution zurückfallen, als Cuba Spielcasino und Puff der Amis war, und die Plantagenarbeiter aufs Übelste ausgebeutet wurden.
Der ständige Mangel an Baumaterialien, Ersatzteilen und eigentlich sämtlichen Bedarfsgütern des täglichen Lebens führt dazu, dass die Cubaner Weltmeister im Improvisieren sind. Hier wird nichts weggeschmissen, deutlichstes Beispiel dafür sind die vielen 50er-Jahre-Ami-Kutschen, die dort noch immer herumfahren. Die meisten Besitzer solcher Autos würden ihre Klapperkiste allerdings ohne zu zögern sofort gegen einen VW Golf oder ähnliches eintauschen.
Der einzige Skatepark Cubas befindet sich im Parque Florestal im Südwesten der Hauptstadt Havana. Chartert euch am besten eines der billigen Lada-Taxis. Als wir an dem ehemaligen Fischteich ankamen, waren nur 2 Jugendliche dort, die irgendwelche Nüsse mit Steinen knackten, und zwischendurch mit ihren selbsgebastelten Mini-Bikes total krank und barfuß abgingen. Irgendwann kam noch ein einzelner Skateboarder an, der ein AWS-Board und ein Zero-T-Shirt hatte. Damit stellt er aber die große Ausnahme dar, er ist an das Zeug über seine Verwandten in den USA gekommen, da gibt es trotz Embargo immer Mittel und Wege. Leider gab es dann einen tropischen Regenguss und die Session war vorbei. Eine Woche vorher soll es in dem Park einen Contest gegeben haben. Wir haben in den zwei Wochen auf der Insel keinen anderen Skater getroffen, nur einmal in Havana Vieja 2 spielende Kinder auf einem Billigbrett.
Noch etwas wichtiges zur Reiseplanung: vergesst das Touri-Resort Varadero. Man kann, ein wenig Abenteuerlust vorausgesetzt, in Cuba wunderbar umherreisen (Bus, Zug, illegale Privattaxis) und überall ohne Reservierung private Zimmer bei unglaublich gastfreundlichen Familien bekommen, ca. 20-25€ pro Nacht. Alles weitere erfahrt Ihr im hervorragenden Reiseführer “Lonely Planet”. Aber denkt dran, Cuba ist kein Ziel für einen reinen Skateboard-Urlaub. Wir sind auch nur den einen Nachmittag fahren gewesen. Und Cuba ist auch lange nicht so billig wie z.B. die Nachbarinsel Dominikanische Republik. Für Touristen kostet ein Abendessen ca. 8-10€ pro Nase. Und checkt die Hurricane-Vorhersagen – wir hatten Glück, Dean ist ein paar Kilometer südlich von Cuba vorbeigezogen. Außerdem sollte man tolerant sein gegenüber diversen Eigenheiten des Systems. Für eine Zugfahrt von 100km muss man schon den ganzen Tag einplanen – 4 Stunden Wartezeit, 4 Stunden Fahrt. Und erschreckt die schlafenden Damen hinterm Schalter im Postamt nicht. Die können euch sowieso weder Telefonkarten verkaufen, noch Geld für die Münzapparate wechseln, geschweige denn korrekte Informationen darüber erteilen, welche Briefmarken man denn nun für die Postkarten braucht.
UN MUNDO MEJOR ES POSIBLE!

4 Kommentare zu Spot Check: La Havana, Cuba
Ganz netter Artikel. Schade allerdings, dass ihr nicht in Kontakt mit den Skatern dort gekommen seid. Es gibt sie nämlich in Havanna und ich glaube, dass Euer Trip dann anders ausgegangen wäre. :)
Ein weiterer kleiner Spot befindet sich in an der calle 23 con G, wo auch abends immer Party ist.
“Dinge wie Markenschuhe oder Mobiltelefone zu besitzen, ist unvorstellbar. “
Braucht man sowas wirklich? Ich halte es da mit Klaus Töpfer, der mal sagte: “Unser Lebensstil ist bestimmt kein Exportartikel” :)
Asere 25. October 2007, 16:14 #

Mir fällt grad auf, Danielo hatte ja Nikes an :)
Nein diese Dinge braucht man wirklich nicht, das wollte ich eigentlich auch ausdrücken, irgendwie. Mit wenig kann man glücklicher sein als mit viel. Wir sind auch mit wesentlich weniger Gepäck zurück- als hingeflogen (manche Sachen können die Menschen dort wirklich dringend brauchen) und waren danach genauso glücklich wie davor (is klar bei Flitterwochen ;-) ), nur um viele großartige Erfahrungen und Bekanntschaften reicher.
Rollbrettfahrer 25. October 2007, 17:45 #

Im Stadtteil Vedado gleich am Maleçon gibt es noch eine neuere Miniramp und ein kleiner Park….dort sind auch täglich locals anzutreffen. Am Stadtstrand von Havanna “playa del este” finden auch immer wieder kleine skate-happenings mit party statt. Nehmt soviel alten skatestuff mit wie ihr tragen könnt…die locals sind dankbar für jedes Wheel!
fidel 26. November 2007, 14:16 #

http://www.skatecuba.co.uk/
ist ne super dokumentation über skaten auf cuba und es gibt eine sehr engagierte szene in havana.
man versucht auch mit anderen städten zusammen was auf die beine zu stellen. kulturell wie auch im bezug auf skaten. punk- und skateszene wächst!!
park in havana ist weiter gebaut worden mit kohle von red bull und auf dem schwarzmarkt erstandenem material – hat jetzt ein menschenkatapult neben der quarter stehen und noch ne funbox vor der hohen quarter und noch ein paar neuerungen. wie gesagt die szene entwickelt sich hier rasch und teuer ist es nur, wenn du als touri da lebst. Das land braucht die deviesen und man weiß, von wem man sie nehmen kann…. wenn du mit der einheimischen währung pizza essen gehst und die die sachen zum täglichen leben kaufst, die skater zwecks unterkunft ansprichst – kannst du einen richtig guten, informativen und günstigen urlaub machen und dabei jede menge fitter leute mit viel spass am leben kennenlernen. trotz dem spass, den man oberflächlich vermittelt bekommt, will jeder, der was im hirn hat, weg.was man ihnen auch nicht verübeln kann – eingesperrt im sonnigen idyllischen käfig – wobei die jungs und mädels meist noch nicht mal ihre eigene insel kennen – hat aber wahrscheinlich auch finanzielle gründe.
krankensystem:
super krankensystem, für das du nichts bezahlst, aber auch nicht wirklich gut behandelt wirst- oder nen termin in ferner zukunft bekommst – zumindest in havana. auf dem dorf oder wenn du einer anderen liga mensch angehörst – wird das anders sein – gute ärtzte hat man da, das ist klar. nicht umsonst studieren viele südameriakner
auf cuba medizin – koschd nix und die ausbildung ist super. warst du mal in einem krankenhaus auf dem Land? Also ich möchte da nicht wirklich behandelt werden – ist schon recht heftig.
mitbringen solltest du aber auf jeden fall viel skatestuff. die jungs und mädels können die sachen normalerweise nicht kaufen. gibt keinen shop auf der ganzen insel. und da die post nicht wirklich ihre empfänger findet, ist internetkauf – wenn mal jemand ins netz kommt – auch nicht angesagt. also alles über kontakte.. und der bist in dem moment du, als skater von draußen: mitbringen solltest du daher nicht viel eigenes material, damit du mehr platz für wheels und decks in deiner tasche hast. wie gesagt, kann man sich kaum vorstellen, was das für die leute dort bedeutet. gebrauchter, nooch nutzbarer stuff tuts auf jeden.
contest hab ich im übrigen auch gesehen – war von red bull mit inlineskaten, bmx und skateboarden-ja die leutz rollen dort noch zusammen! so, jetzt muss ich los. ich schick mal noch neuere fotos und wenn jemand infos zu cuba braucht, ich geb immer gern auskunft. je mehr leute sich für die jungs und mädels einsetzten, desto besser wird ihre skatesituation – dann bedeutet boardbruch vielleicht nicht mehr skatepause für ne woche, nen monat oder noch länger… cheers caro
caro 27. March 2008, 16:57 #

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